Man muss es sich einmal in Ruhe auf der Zunge zergehen lassen: Der „Geierabend“ ist insolvent – und plant trotzdem weiter Auftritte. Das ist ungefähr so, als würde der Kapitän der Titanic kurz nach dem Eisbergkontakt sagen: „Also Leute, nächste Woche fahren wir aber nochmal raus, die Route war eigentlich ganz schön.“
Seit März 2026 ist klar: Die Betreibergesellschaft des Dortmunder Kultformats ist zahlungsunfähig. Altlasten, unbezahlte Rechnungen, GEMA-Forderungen im sechsstelligen Bereich – kurz gesagt: Die Kasse ist leer, und die Gläubiger klopfen an die Tür.
Doch während draußen die Realität anklopft, scheint drinnen noch das Bühnenlicht zu brennen. Es wird munter über Abschlussauftritte spekuliert, über mögliche Termine – vielleicht sogar über ein „Weiter so, nur anders“.
Man fragt sich unwillkürlich: Ist das schon künstlerische Freiheit oder bereits eine neue Form der Buchführung? „Heute lachen wir über Schulden – morgen vielleicht darüber, dass wir sie noch haben.“
Natürlich, man könnte argumentieren: Die Kunst muss weitergehen. Der Vorhang darf nicht fallen, nur weil die Zahlen im roten Bereich tanzen. Das Publikum soll schließlich etwas geboten bekommen. Und wer wäre besser geeignet, die Absurditäten unserer Zeit darzustellen, als ein insolventer Karneval, der selbst zur Satire geworden ist?
Doch irgendwo zwischen Pointe und Pleite liegt ein schmaler Grat. Denn während auf der Bühne der „Pannekopp des Jahres“ verliehen wird, stehen die echten Panneköppe – pardon: Gläubiger – vor der Tür und überlegen, ob sie jemals wieder etwas von ihrem Geld sehen.
„Schicht im Schacht“, hieß es aus den Reihen der Verantwortlichen. Ein schöner, ehrlicher Ruhrpott-Satz. Nur scheint im Kleingedruckten zu stehen: „… aber vielleicht machen wir vorher noch schnell eine Zusatzschicht.“
Es ist diese Diskrepanz, die irritiert. Insolvenz bedeutet normalerweise: Man räumt auf, sortiert, regelt. Hier hingegen wirkt es ein wenig wie: erst Chaos, dann Zugabe.
Dabei passt das Ganze eigentlich perfekt zum Konzept des Geierabends. Schon immer ging es darum, den Finger in die Wunde zu legen, Missstände zu entlarven und das System auf die Schippe zu nehmen. Jetzt macht das System offenbar mit – und der Geierabend spielt die Hauptrolle in seiner eigenen Parodie.
Man könnte fast meinen, die Insolvenz sei Teil des Programms:
„Willkommen zur neuen Nummer: Wir verschwinden – aber in Raten!“
Und so bleibt am Ende vor allem eines: Verwunderung.
Verwunderung darüber, wie man gleichzeitig insolvent sein und doch Termine planen kann. Verwunderung darüber, wie sich künstlerische Hoffnung und wirtschaftliche Realität so elegant ignorieren. Und Verwunderung darüber, dass ausgerechnet im Ruhrgebiet, wo man sonst sagt „Wat weg is, is weg“, plötzlich gilt: „Wat pleite is, spielt weiter.“
Vielleicht ist das die wahre Pointe:
Der Geierabend lebt – zumindest auf dem Papier – länger, als es die Buchhaltung vorgesehen hat.
Und die Gläubiger?
Die sitzen derweil im Publikum. Ohne Karte.



