WDR stellt sich für die digitale Zukunft neu auf
Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) plant einen umfassenden Umbau seiner Strukturen und Angebote. Ziel ist es, den Sender stärker auf digitale Nutzungsgewohnheiten auszurichten und auch künftig möglichst viele Menschen zu erreichen. Dafür sollen Ressourcen aus dem klassischen linearen Programm verstärkt in digitale Formate, Technologien und neue Inhalte verlagert werden.
Wie WDR-Intendantin Dr. Katrin Vernau erklärt, verändert sich die Mediennutzung derzeit schneller als erwartet. Gleichzeitig steigen die Kosten, während die finanzielle Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks unsicher bleibt. Der WDR sieht sich daher gezwungen, jetzt umfassende Veränderungen einzuleiten.
Mediennutzung erreicht entscheidenden Wendepunkt
Nach aktuellen Prognosen steht die Medienbranche unmittelbar vor einem historischen Wandel. Erstmals wird die Nutzung von nichtlinearen Videoangeboten, also Streaming- und Mediathek-Inhalten, die klassische lineare Fernsehnutzung übersteigen.
Dieser sogenannte Kipppunkt hat weitreichende Folgen. Immer weniger Menschen nutzen traditionelle Fernsehprogramme, während digitale Plattformen und mobile Angebote kontinuierlich an Bedeutung gewinnen. Der WDR reagiert darauf mit einer umfassenden Digitalstrategie.
Zahl der Angebote wird bis 2030 halbiert
Bereits im Frühjahr hatte der WDR beschlossen, sein Programmportfolio deutlich zu verschlanken.
Von aktuell rund 600 Angeboten sollen bis zum Jahr 2030 nur noch etwa 300 bestehen bleiben. Gleichzeitig sollen bis zu 100 neue Angebote entwickelt werden, die gezielt auf digitale Nutzung ausgelegt sind.
Mit dieser Strategie möchte der Sender Doppelstrukturen abbauen und seine Ressourcen stärker auf Formate konzentrieren, die ein großes Publikum erreichen oder wichtige gesellschaftliche Aufgaben erfüllen.
Erste beliebte Formate werden eingestellt
Die Umsetzung der Kürzungen beginnt bereits jetzt. In einem ersten Schritt werden 76 Angebote eingestellt oder verändert.
Zu den bekannten Formaten, die wegfallen, gehören unter anderem:
- „Frau tv“ im WDR Fernsehen
- „Satire am Sonntag“ bei WDR 4
- verschiedene Web-Begleitangebote
- „studio M“
- „Lisas Paarschitt“
- „Doc Esser“ als Podcast, Website und Facebook-Angebot
Einige Formate werden nicht vollständig aufgegeben, sondern ausschließlich digital weitergeführt. Dazu zählt beispielsweise „Erlebnis Erde“, dessen Ausstrahlung im linearen Fernsehen entfällt.
Weitere Entscheidungen über zusätzliche Programmeinsparungen sollen im Frühjahr 2027 getroffen werden.
Neue digitale Formate sollen jüngere Zielgruppen erreichen
Gleichzeitig investiert der WDR gezielt in neue Inhalte für digitale Plattformen.
Zu den Formaten, die künftig stärker ausgebaut werden sollen, gehören unter anderem:
- „Deutschland, ich küss‘ dein Herz“ mit Tahsim Durgun
- „Draußenpolitik“ mit Louis Klamroth
- „Motsi & Oti – Meet the Mabuses“
- neue Geschichtspodcasts
- digitale Auslandsformate
Mit diesen Angeboten will der WDR insbesondere Zielgruppen ansprechen, die klassische Radio- und Fernsehprogramme immer seltener nutzen.
Regionale Berichterstattung soll im Internet deutlich wachsen
Eine zentrale Rolle spielt künftig die regionale Berichterstattung.
Der WDR plant, Inhalte für Nordrhein-Westfalen verstärkt für Websites, Apps und soziale Netzwerke zu produzieren. Themen aus den Regionen sollen schneller und gezielter digital veröffentlicht werden.
Auch der Regionalsport soll davon profitieren. Besonders Fußballvereine aus Nordrhein-Westfalen, darunter zahlreiche Drittligisten, sollen künftig stärker im digitalen Angebot vertreten sein. Gleichzeitig will der Sender auch andere regionale Sportarten intensiver abbilden.
Künstliche Intelligenz wird strategisch ausgebaut
Neben dem Programm investiert der WDR massiv in Technologie.
Der Sender will innerhalb der ARD eine führende Rolle bei den Themen Künstliche Intelligenz, digitale Distribution und Plattformentwicklung übernehmen. Zudem beteiligt sich der WDR maßgeblich am Aufbau eines gemeinsamen technischen Plattformsystems der ARD.
Ziel ist es, Inhalte schneller auffindbar zu machen und digitale Angebote besser auf die Bedürfnisse der Nutzer auszurichten.
Produktionsbereiche und Technik werden umgebaut
Auch in Produktion und Technik stehen erhebliche Veränderungen bevor.
Bis 2030 sollen rund 20 Prozent der Stellen aus klassischen Produktionsbereichen in technologieorientierte Aufgabenfelder verlagert werden. Gleichzeitig werden Produktionsprozesse gebündelt und standardisiert.
Der WDR plant außerdem:
- weniger Studios und Regieräume
- stärkere Zusammenarbeit innerhalb der ARD
- mehr Kooperationen mit externen Produktionsfirmen
- automatisierte Verwaltungsprozesse
Dadurch sollen langfristig erhebliche Einsparungen erzielt werden.
100.000 Quadratmeter Fläche werden aufgegeben
Ein weiterer Bestandteil des Sparprogramms betrifft die Infrastruktur.
Bis Ende 2028 will der WDR seine genutzten Büro- und Produktionsflächen um rund 100.000 Quadratmeter gegenüber dem Jahr 2017 reduzieren. Damit sollen die laufenden Betriebs- und Infrastrukturkosten deutlich gesenkt werden.
Jede dritte freiwerdende Stelle soll wegfallen
Besonders einschneidend sind die geplanten Maßnahmen beim Personal.
Angesichts des wachsenden finanziellen Drucks soll bis 2030 jede dritte Stelle, die durch Verrentung frei wird, nicht mehr neu besetzt werden. Auch die Beauftragung freier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter soll reduziert werden.
Gleichzeitig kündigt der WDR an, Beschäftigte gezielt weiterzubilden und auf die Anforderungen des digitalen Wandels vorzubereiten.
WDR sieht öffentlich-rechtlichen Rundfunk weiterhin als unverzichtbar
Trotz sinkender Reichweiten verweist Intendantin Katrin Vernau auf positive Ergebnisse der ARD-Akzeptanzstudie. Demnach halten viele Menschen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für wichtig oder sogar wichtiger als noch vor einigen Jahren.
Besonders bemerkenswert: Laut der Studie bewerten 78 Prozent der 14- bis 29-Jährigen die öffentlich-rechtlichen Angebote als wichtig für die Gesellschaft. Dieser Wert ist innerhalb von drei Jahren deutlich gestiegen.
Der WDR sieht darin eine Bestätigung seines Auftrags und möchte die Bedeutung von verlässlichen Informationen, Bildungsangeboten und gesellschaftlichem Zusammenhalt künftig noch stärker über digitale Kanäle vermitteln.



