Der W – Akustik-Tour 2024 – Christuskirche/ Bochum – 25.05. 24
Wie ein Prediger betritt Stephan Weidner zurückhaltend, in feinem Schwarz gekleidet und unter lautem Beifall die Bühne. Zusammen mit den Musikern seiner Akustik-Band präsentiert er an diesem Abend das zweite von zwei aufeinanderfolgenden Konzerten in Bochum. Ort des Geschehens ist die kulturelle Veranstaltungshalle „Christuskirche“. Seit Jahrzehnten hängen hier schon keine Kreuze mehr an den Wänden. An diesem Abend ziert ein übergroßes W die Mauern der ehemaligen Kirche. Heute herrscht freie Platzwahl. Die über 800 Zuschauer verteilen sich auf den langen massiven Holzbänken, Stehplätzen und Stühlen und auf den Plätzen der Empore vor den eindrucksvollen, in Silber gegossenen Pfeifen der Orgel. Von dieser erklingt allerdings kein einziger Ton. Heute spielen Stephan Weidner und seine 5-köpfige Band einen Auszug aus fünf Alben. Diesmal aber erstmalig mit Akustik-Gitarren und von Streichern begleitet. Um 20 Uhr ist die Kirche zwar nicht ganz voll, aber dennoch gut gefüllt. Durch das blau-weiße Glas der Kirchenfenster fallen die letzten feinen Sonnenstrahlen des Abends. Als der Beifall verstummt, wird es still. Ein jeder im Saal wartet in freudiger Ungewissheit auf das, was kommt. Der W begrüßt seine (Fan-)Gemeinde und die Predigt kann beginnen.
Die Zuschauer erleben eine Reise durch das Seelenleben von Stephan Weidner. Mit „Geschichtenhasser“ und „Machsmaulauf“ hat man zwei fetzige Stücke jeweils an den Anfang und das Ende des Programmes gestellt. Dazwischen geht es ausschließlich ruhig zu. „Kafkas Träume“ und „Gespräche mit dem Mond“ lassen Bilder im Kopf entstehen. Die Lichtshow, die individuell auf jeden Song abgestimmt wurde, trägt zu einem stimmigen Gesamtbild bei. Der Sound ist klar und gut abgemischt. Zwischen den Songs erzählt Weidner seine Geschichten und erklärt, welche Bedeutung die Lieder für ihn haben. Emotionale Höhepunkte sind Songs wie „Haus aus Spiegeln“, „Angst“ oder „Ein Lied für meinen Sohn“. Der W schlägt auf der Akustik-Tour 2024 definitiv einen anderen Weg ein. Für das neue Arrangement der Songs zuständig ist Dirk Czuya, Musiklehrer und Gitarrist der Band. Ihm wird an diesem Abend ebenfalls gebührender Respekt gezollt.
Leise und melancholisch geht es weiter. Weidner singt und spricht über Trauer und Schmerz, Verrat und Hass, über Freiheit und davon, wie aus Liebe Kraft entstehen kann. Jedes der mehr als zwanzig Stücke lässt Raum für Interpretation und Gefühl. Unweigerlich möchte man über sich selbst nachdenken. „Der Hafen“ erzählt vom Tod, Erlösung und Transformation. „Mein bester Feind“ von Verrat durch enge Freunde. „Schlag mich (bis ich es versteh)“ von Vergebung und dem Niederlegen von Rachegefühlen. Wer an diesem Abend nach Antworten auf die Fragen zum Leben, dem Universum und dem ganzen Rest sucht, muss taub sein, um diese nicht zu bekommen. Allerdings ist ein kleiner Teil der Zuschauer mit der Melancholie der Veranstaltung ein wenig überfordert. Zu Beginn der ersten Hälfte breitet sich im Publikum eine Stimmung aus, die der Atmosphäre des Konzertes weniger dienlich ist. Eine konstante Unruhe, wie man sie aus dem Unterricht in der Grundschule kennt, erfüllt den Saal. Da wird gequasselt, geschrien und gelacht. Flaschen klimpern und Leute huschen durch die Gänge. Man kann davon ausgehen, dass der Bestand von Kaugummikugeln unter den Holzbänken heute Abend steigt. Der Weidner spricht ein Machtwort! „Darf ich euch bitten hier heute ein bisschen weniger Bewegung zu machen?“, fragt er sein Publikum freundlich. „Ich sag es euch ganz ehrlich, für mich ist das auch nicht so einfach hier oben so ruhig zu sein, in mich zu gehen und diese Lieder zu präsentieren.“ Auf diese Aufforderung folgt zwar tosender Applaus, aber es braucht noch eine zweite Ermahnung, damit etwas mehr Ruhe in die Christuskirche einkehrt. „Ich will hier wirklich die Hosen runterlassen und es nervt mich!“, mahnt Weidner erneut. Einige hätten heute wohl besser dort einkehren sollen, wo die Gebetsbücher Henkel haben. Spätestens in der zweiten Hälfte des Programmes hat sich dann aber fast jeder im Publikum auf diese besinnliche Reise eingelassen.
Zum Schluss, nach knappen 3 Stunden Spielzeit, mit Pause, widmet der W noch einen Song dem VfL Bochum. „Gewinnen kann jeder“, heißt es in dem Lied und „Wir kommen wieder und das nächste Mal als Sieger“. Der Abend endet mit Standing Ovations und minutenlangen „Oh, wie ist das schön!“-Chören aus dem Publikum. Als letzte Zugabe stimmt Weidner erneut „Machsmaulauf“ ein und jeder im Saal bekommt die lang ersehnte Möglichkeit, den innerlichen Knoten, der durch die anhaltende Melancholie der Veranstaltung entstanden ist, zu lösen. „Steht auf und kommt näher. Jetzt könnt ihr euch mal ein bisschen bewegen!“, gewährt Prediger Weidner. Die Fans folgen, laufen zur Bühne, tanzen, singen, springen und lachen. Das Ganze geschieht zwischen den Mauern der Bochumer Christuskirche. So macht Kirche Spaß! Und damit endet ein denkwürdiger Abend mit exzellenten Kompositionen und einer ausgezeichneten Live-Band. Auf der Akustik-Tour 2024 sehen wir eine andere Seite von Stephan Weidner. Lyrisch, melancholisch und sehr persönlich. Dabei verliert er aber niemals an der Zugänglichkeit und Authentizität, die man von ihm gewohnt ist. Ob und wie viele Fans der alten Brigade bereit sind, diese neuen Wege mit ihm zu gehen wird nichts daran ändern!
Autor: Sam Oeder


